Musterbewerbung

Bewerbertraining

So ungefähr fünf Jahre vor meiner Rente machte unsere Firma zu. Die langjährigen Mitarbeiter, die nicht gleich einen Käufer fanden, warf man nicht einfach so auf die Straße, sondern bezahlte eine "Transfergesellschaft", "um sie für den Arbeitsmarkt fitzumachen."

"Sich bewerben heißt für sich werben", sagte der "Coach" von Train-Apontis. Also lernten wir im letzten Vierteljahr (meines Arbeitslebens) servile Anschreiben an dubiose Zeitarbeitsfirmen zu verfassen und unsere tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten mit immer neuen prunkvollen Phrasen bis zur Unkenntlichkeit aufzublasen. Wenn einem gar nichts besseres einfiel, konnte man sich immer noch als "Team-Player" anpreisen. (Musterbewerbungen der Fa. Train-Apontis.) Wir diskutierten ernsthaft, mit welchen Worten und Zauberformeln wir möglicherweise die Aufmerksamkeit eines Personalchefs auf uns lenken könnten.

Nach Eintritt der Arbeitslosigkeit wurde ich/ wir in eine "Maßnahme eingewiesen". (So heißt das tatsächlich.) Die bestand wiederum darin, dass wir fünf Monate lang unter Aufsicht einer Deutschlehrerin, eines Kochs, eines Bauingenieurs und einer freiberuflichen "Lebensberaterin" -- was die Dame genau tat, habe ich leider nicht verstanden -- Bewerbungen schrieben. Zweimal die Woche acht Stunden täglich. Mit anderen Worten: Genau dasselbe, diesmal bezahlt vom Arbeitsamt, nur die Firma war eine andere. Wenn wir nicht genügend Bewerbungen schrieben, bekämen wir das Arbeitslosengeld gesperrt.

Also schrieben wir Bewerbungen. Vor dreißig Jahren wäre so etwas tatsächlich mit einiger Mühe verbunden gewesen. (Aus dieser Zeit dürfte die Idee auch stammen.) Mit dem Computer hätten wir allerdings wahllos ohne weiteres im Minutentakt (sinnlose) "Bewerbungen" bei sämtlichen Zeitarbeitsfirmen der Gegend heraushauen können. (Ich hatte eine Zeit lang die Vorstellung eines Scripts, das sich automatisch oder halb automatisch bewirbt.) Das machte aber keiner: Nach zwei oder drei Bewerbungen ging man eben zu Browserspielen über oder erledigte private Korrespondenz.

Wir schrieben nicht nur Bewerbungen. Wir hatten auch Theorie. Zur theoretischen Fundierung dienten einige Folgen einer Reality-Show aus dem Trash-TV:

"Die Job-Agenten" (Bavaria Film Group, 2008).

Inhalt: Zwei Arbeitsvermittler (nein, nicht die vom Arbeitsamt, sondern Profis!) machen einem halben Dutzend Sozialfälle klar, dass sie sich ändern müssen, um Arbeit zu finden. Um Fachkenntnisse geht es dabei erst in zweiter Linie. Sondern darum:
"Dein Make-Up entspricht nicht den Vorstellungen des Personalchefs."
Einem männlichen Sozialfall wurde in dem erwähnten Film von den "Job-Agenten" geraten, sich sein gewöhnungsbedürftiges Bärtchen abzurasieren. (Der Mann hatte jedoch Charakter und bestand auf seinem Bärtchen. Er bekam dafür den miesesten Job von allen und flog auch als erster wieder raus.)
Zu schlecht, zu faul, zu dumm, zu unzuverlässig, zu frech, zu hässlich, zu was auch immer: --- der Job-Agent bringt's jedenfalls auf den Punkt:
"Irgendwas musst du falsch gemacht haben, sonst wärst du nicht hier."
Nachdem die Sozialfälle das eingesehen haben, wird ihnen ein Arbeitsplatz zuteil, wenn auch -- so viel Realität muss sein -- ein schlecht bezahlter.

Natürlich gibt es nicht mehr Arbeitsplätze dadurch, dass die Bewerbungen "besser" werden. Natürlich kosten solche Maßnahmen Geld, obwohl keiner was dabei lernt. Die einzigen, die von solchen Pseudo-Fortbildungen profitieren, sind rein parasitäre Unternehmen, nur zu dem Zweck gegründet, dass ihnen die "Bundesagentur" jene Millionen in die Tasche schaufelt, die für die Arbeitslosen fehlen.